Karl Kraus singt Das Lied von der Presse

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Karl Kraus trägt vor: Das Lied von der Presse aus der dramatischen Satire «Literatur» von Karl Kraus.

 

  • Im Anfang war die Presse
  • und dann erschien die Welt.
  • Im eigenen Interesse
  • hat sie sich uns gesellt.
  • Nach unserer Vorbereitung
  • sieht Gott, daß es gelingt,
  • und so die Welt zur Zeitung
  • er bringt.

 

  • Die Welt war es zufrieden,
  • die auf die Presse kam,
  • weil schließlich doch hienieden
  • Notiz man von ihr nahm.
  • Auch was sich nicht ereignet,
  • zu unserer Kenntnis dringt;
  • wenns nur fürs Blatt geeignet –
  • man bringt.

 

  • Wenn auch das Blatt die Laus hat,
  • die Leser gehn nicht aus;
  • denn was man schwarz auf weiß hat,
  • trägt man getrost nachhaus.
  • Was wir der Welt auch rauben,
  • sie bringt uns unbedingt
  • dafür doch ihren Glauben;
  • sie bringt.

 

  • Sie lesen, was erschienen,
  • sie denken, was man meint.
  • Noch mehr läßt sich verdienen,
  • wenn etwas nicht erscheint.
  • Wir schweigen oder schreiben,
  • ob jener auch zerspringt –
  • wenn uns nur unser Treiben
  • was bringt.

 

  • Die Welt, soweit sie lebend,
  • singt unsere Melodie.
  • Wir bleiben tonangebend
  • von aller Gottesfrüh.
  • Nach unsern notigen Noten
  • die Menschheit tanzt und hinkt,
  • weil Dank sie für die Toten
  • uns bringt!

 

  • Die Zeit lernt von uns Mores,
  • der Geist ist uns zur Hand,
  • denn als Kulturfaktores
  • sind wir der Welt bekannt.
  • Kommt her, Gelehrte, Denker,
  • komm, was da sagt und singt,
  • daß hoch hinauf der Henker
  • euch bringt!

 

  • Wir bringen, dringen, schlingen
  • uns in das Leben ein.
  • Wo wir den Wert bezwingen,
  • erschaffen wir den Schein.
  • Schwarz ist’s wie in der Hölle,
  • die auch von Schwefel stinkt,
  • wohin an Teufels Stelle
  • man bringt!



„Demokratie ist die Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk.“
(Abraham Lincoln; * 12. Februar 1809; † 15. April 1865)

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